Digital Leadership ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Führungskräfte müssen jetzt digital Leader sein. Eine ganzheitliche Definition dessen, was Digital Leadership ausmacht gibt es jedoch bis heute nicht. Was es gibt ist ein Kanon von Fähigkeiten und Einstellungen, die eine moderne Führungskraft mitbringen sollte. Die Ausführungen reichen von einem coachendem Führungsstil, über ein agiles Mindset, der Fähigkeit zu transformationalen Führung sowie einer dienenden Haltung. Darunter finden sich eine Vielzahl von Einzelkompetenzen wie z. B. Offenheit, Vertrauen, Netzwerke bilden, Fehlertoleranz und nicht zu vergessen Agilität.

Alle Kompetenzen aufzuführen würde hier den Rahmen sprengen. Mehr und mehr verliert man sich jedoch in dem Dschungel dieser Aufzählungen. Deshalb möchte ich hier eine Übersicht und ein Verständnis für den Zusammenhang dieser Kompetenzen schaffen.

 Digital Leadership aus einer ganzheitlich-integrativen Perspektive

Folgendes Modell fasst die wesentlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Digital Leadership aus einer ganzheitlichen und integrativen Perspektive zusammen.

Quelle: eigene Darstellung   

Die VUCA-Welt

Betrachten wir zunächst einmal die VUCA-Welt, die Führungskräfte vor die Herausforderung stellt, mit zunehmender Dynamik, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit umzugehen. Die erfordert von Führungskräften gleich mehrere Kompetenzen. Zum einem müssen sie schnell in der Lage sein, sich auf Neues einzustellen. Sie müssen mutig sein, denn ohne Mut können gerade unsichere Situationen, die dazu auch noch mehrdeutig und komplex sind, nicht bewältigt werden. Die VUCA-Welt erfordert daher auch die Fähigkeit, sich Fehler zu erlauben und aus ihnen lernen zu wollen. Dies ist bisher in der Führungskultur eher nicht vorgesehen. Vielmehr sind Führungskräfte bisher in dem Glauben groß geworden, immer alles unter Kontrolle haben zu müssen und einen strategischen Plan vorweisen zu können. In einer VUCA-Welt ist dies jedoch immer weniger möglich, was uns zum nächsten Punkt bringt: Mindset.

VOPA+ – Mindset

Um also den Herausforderungen der VUCA-Welt gewachsen zu sein, braucht es ein neues Mindset. Dieses „neue“ Mindset beinhaltet das Verständnis, dass Netzwerke innerhalb wie außerhalb des Unternehmens notwendig sind, um Antworten auf komplexe Herausforderungen zu finden. Das kann die Zusammenarbeit mit Start-ups genauso sein, wie die Kooperation mit Hochschulen zur Erforschung neuer Technologien oder Formen der Zusammenarbeit wie aber auch – und das wird meist vernachlässigt – die interne Vernetzung verschiedener Mitarbeiter und Abteilungen sein. In nur wenigen Unternehmen ist es Führungskräften möglich, außerhalb der eigenen Abteilung sagen zu können, welche/n MitarbeiterIn aus anderen Bereichen man für eine Fragestellung ansprechen könnte. Die Kompetenzen der Mitarbeiter sind häufig nicht erfasst und wenn sie es sind, basieren sie auf Zertifizierungen und Qualifizierungen und nicht auf der Selbstauskunft der Person selbst. Hier ist es also Zeit, dass sich Unternehmen intern und extern für Vernetzung öffnen und entsprechende Systeme schaffen, um Transparenz in Bezug auf vorhandene Kompetenzen zu schaffen. Offenheit für Neues, für Ideen anderer und für andersartige Lösungswege ist also ein weiterer Kernbestandteil eines Digital-Leadership-Mindsets. Die eben skizzierten Gedanken machen zudem deutlich, dass es ohne Partizipation heute nicht mehr geht. Führungskräften können in der VUCA-Welt den Weg nicht mehr alleine vorgeben. Es bedarf der Weisheit von vielen, immer wieder kleine Schritte voran zu gehen. Mitarbeiter sollten ermutigt werden, ihre Kompetenzen dort einzubringen, wo sie sich kompetent fühlen. Darüber hinaus muss es die Möglichkeit geben, aus Erfahrungen zu lernen und Wege anzupassen. Dies beinhaltet ein agiles Mindset. Im agilen Manifest ist verankert, dass Menschen vor Prozessen und Methoden stehen. Das heißt, in erster Linie gilt es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und ihm zu vertrauen. Eine Methode allein kann daher auch kein Vertrauen ersetzen. Das bedeutet übersetzt: Wer glaubt mit dem Wissen über Scrum, Design Thinking, OKRs und anderen agilen Werkzeugen verstanden zu haben, was Agilität bedeutet, hat die tiefere Bedeutung dieses Ansatzes nicht verstanden. Die Methode ist lediglich das Vehikel, vorhandene Ansätze zu strukturieren und zu beschleunigen. Der Treibstoff für das Gelingen ist jedoch das Vertrauen in die Mitarbeiter und deren Ermutigung, ihre Kompetenzen einzubringen.

Personal Internal Focus

Es wird deutlich, die VUCA-Welt und das dafür notwendige Mindset fordern uns Menschen heraus. Dies gilt insbesondere für Führungskräfte, die zum Teil völlig neue Muster erlernen müssen. Immer dann, wenn wir etwas nicht kennen, wenn wir die Konsequenzen nicht einschätzen können und auch nicht wissen, ob wir für unser Tun belohnt oder bestraft werden, kommen wir Menschen unter Druck. Der Stresspegel steigt, der Körper stößt mehr Cortisol aus und wir fallen, ohne dass wir es merken, in grundlegende Verhaltensmuster zurück. Der eine wird ungeduldig und gibt seinen Druck manchmal sehr ruppig weiter, ein anderer macht dies mit sich selbst aus, spürt Magendruck und möchte sich am liebsten verkriechen, wieder andere versuchen es mit Verdrängung. Was jede Führungskraft braucht ist daher eine innere Ruhe oder Ausgeglichenheit, um das unruhige Außen ertragen zu können. Gerade in den Neurowissenschaften ist daher vermehrt auch das Thema Achtsamkeit untersucht worden. In mehreren Untersuchungen wurde festgestellt, dass tägliche Achtsamkeitsübungen zu einer weniger Stress, Verringerung von Bluthochdruck und ähnlichem führen. Für Führungskräfte ist es daher wesentlich, der stressigen Aussenwelt mit zunehmender Achtsamkeit zu begegnen und zwar auf allen Ebenen. Zum einen bedarf es der Beobachtung des körperlichen Wohlbefindens genauso wie des emotionalen Wohlbefindens. Zum anderen hilft es vielen, ihre täglichen Gedanken zu beobachten. Vielleicht merken auch Sie, wenn Sie zur Ruhe kommen, wie ihre Gedanken keinesfalls stillstehen, sondern wie diese wie Schnellzüge weiterhin durch ihren Kopf rasen. Die Gedanken zu beruhigen, das Kopfkino mit vorgestellten nicht realen Dialogen oder Horrorszenarien zu unterbrechen, scheint daher eine wichtige Fähigkeit. Vor allem deshalb, weil Körper, Geist und Seele im Zusammenspiel das Verhalten beeinflussen. Unter Stress verhalten wir uns anders als im Ruhezustand. Daher ist es wesentlich, das eigene Verhalten zu beobachten.

 Resilienz

Achtsamkeit ist ein wichtiger Teil des Aufbaus innerer Resilienz. Es gibt Menschen, die scheinen von Natur aus resilient zu sein. Resilienz kann dabei als innere Widerstandsfähigkeit bezeichnet werden. Diese Menschen sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen, sind in jeder noch so erdenklich schwierigen Situation in der Lage, das Positive darin zu sehen. Sie suchen nach Lösungen und beschäftigen sich nicht mit Problemen und sie haben ein klares Bild von ihrer Zukunft. Und wenn ihnen einmal etwas nicht gelingt oder sie eine Situation nicht verändern können, akzeptieren sie sie und suchen sich Halt in ihren Netzwerken. Resilienz scheint also gerade im Hinblick auf die Herausforderungen von Führungskräften in der digitalen Welt hilfreich zu sein. Das Gute ist, dass Resilienz erlernt werden kann. Ansätze dazu gibt es in der positiven Psychologie, bei der es vor allem darum geht aus welcher Perspektive man Geschehnisse betrachtet und inwiefern man seine Eigenverantwortung an Situationen erkennt und Dinge aktiv verändert, statt es sich in seiner Opferrolle bequem zu machen und zu glauben, man könne ja eh nichts verändern.

Organizational Focus

Es kraftvolles Mindset, verbunden mit Achtsamkeit und im Kern Resilienz ist also die Basis für Handeln in der VUCA-Welt. Auch die VUCA-Welt braucht trotz flacher Hierarchien weiterhin Führung. Führungskräften kommt hier nur eine andere Rolle zu. Sie sollten diejenigen sein, die eine klare Vision haben, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll und welchen Beitrag sie in einer Organisation leisten wollen. Die Bildung einer Vision, ohne dass der Weg zu deren Erreichung klar sein muss, ist also die organisationsbezogene Aufgabe von Führungskräften. Es ist zudem wichtig, dass sie diese Vision so verständlich machen, dass jeder Mitarbeiter / jede Mitarbeiterin weiß, wie er / sie sich einbringen kann, um einen Beitrag zur Erreichung der Vision zu leisten. Die Komplexität führt dazu, dass immer wieder Themen angegangen werden, die mitunter von der Vision weg führen. Die Führungskraft muss daher immer wieder aufs Neue für Klarheit sorgen. Ein hilfreiches Mittel für die Erreichung einer Vision können daher agile Methoden sein. Durch stetige Retrospektiven und das Vorangehen in kleinen Schritten ist es immer wieder möglich, Anpassungen vorzunehmen und so auf dem Weg zu bleiben. 

Fazit

Führungskraft in einer VUCA-Welt zu sein, benötigt eine bestimmte Haltung und ein Verständnis dafür, wie sich Erfolg unter Unsicherheit und Mehrdeutigkeit definiert. Eine perfekte Lösung und einen guten Plan zu haben ist sicherlich nicht mehr das Handlungsmuster, das von Nöten ist. Vielmehr ist ein ganzheitliches Verständnis der Wirkmechanismen notwendig, um als Führungskraft erfolgreich agieren zu können.